Engagieren wir uns!

Engagieren wir uns!


Es reicht nicht, Schweizer zu sein. Erst der Citoyen verändert die Welt.


Verehrter Leser, verehrte Leserin, dies ist meine letzte Kolumne für die ZEIT. Die Essenz aller Texte, die ich in den letzten zwei Jahren an dieser Stelle geschrieben habe, lässt sich in einem Wort verdichten: Engagement. Und so erlaube ich mir, Sie heute erneut aufzumuntern, engagiert zu sein – sei es für eine angemessene Vertretung von Frauen an den Schalthebeln der Macht in Politik, Wirtschaft und Kultur, sei es für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sei es für ein Bildungsmodell, das schon im frühkindlichen Alter beginnt und niemals endet. Oder sei es für eine liberale Schweiz, in der jeder und jede Verantwortung übernimmt.
Ich selber sehe mich nicht einfach als Schweizer Bürgerin – was an sich schon ein Privileg ist. Ich verstehe mich als Citoyenne, die sich einmischt und mit Wissen, Netzwerk, Zeit und den Ressourcen, die ihr zur Verfügung stehen, für all das eintritt, was ihr am Herz liegt.

Ich habe dafür große Vorbilder wie den ehemaligen französischen Widerstandskämpfer und UN-Diplomaten Stéphane Hessel, der mit seinem Essay Empört euch! Millionen Leserinnen und Leser fand. Darin plädiert er für eine engagierte Lebenshaltung und kritisiert scharf die weit verbreitete Gleichgültigkeit, die im Ausspruch "Die da oben machen ja sowieso, was sie wollen" gipfelt. Das ist falsch. Auch der emeritierte Literaturprofessor Peter von Matt ermahnt uns in seinem Buch Das Kalb vor der Gotthardpost : "Dieses Land ist kein schöner Baum, es ist mühsame Zimmermannsarbeit mit Flicken und Nageln." Unsere Freiheit ist nicht Gott gegeben, der Mensch ist nicht von Natur aus demokratisch. Weil sie Unfreiheit erfahren haben, sprechen der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel denn auch auffallend oft von der Freiheit, während ihre westdeutschen Parteikollegen Gerechtigkeit einfordern. Freiheit ist für sie selbstverständlich geworden.

Die Demokratie ist die beste, aber auch die mühsamste Form des Zusammenlebens. Durch die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, über die uns die Medien informieren, wird uns bewusst, dass wir keineswegs auf dem Weg zur Demokratisierung unseres Planeten sind. Dämonen, die wir längst besiegt sahen, regen sich aggressiver denn je und bedrohen die Werte, die es für ein demokratisches Gemeinwesen braucht.
Der Philosoph Odo Marquard schrieb: "Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber den großen Infragestellungen." Demokratie ist unspektakulärer Alltag. Wohl darum wird es immer schwieriger, Menschen zu gewinnen, sich freiwillig für das Gemeinwohl einzusetzen. Zu selbstverständlich sind uns Freiheit, Demokratie und Wohlstand geworden. Und stärker denn je reguliert der Staat unsere Leben von der Wiege bis zur Bahre. Dennoch bleiben viele Lücken, die weder der Staat noch die private Wirtschaft füllen. Auch ich werde mich in Zukunft einsetzen. Jeden Tag.


Mit den besten Grüßen, machen Sie’s gut! Ihre Carolina Müller-Möhl

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