Frauen an der Macht? Der erste Blick täuscht!

Wenn im November die Präsidentschaftswahlen in den USA entschieden sind, kann es sehr wohl sein, dass an der Spitze einiger der mächtigsten Staaten der Welt Frauen stehen. Angela Merkel, seit 2005 Bundeskanzlerin in Deutschland, Theresa May, die nach dem Brexit in Grossbritannien das Zepter von David Cameron übernahm, und Hillary Clinton, die nach ihrer Zeit als First Lady und US-Aussenministerin nun die Hauptrolle im Weissen Haus spielen möchte.

Selbst in Japan ist es der neuen Bürgermeisterin von Tokio, Yuriko Koike, gelungen, eine der stabilsten Männerbastionen in Asien zu stürmen. Keck liess Koike die Japanerinnen und Japaner wissen, dass sie keine Rücksicht auf Männerseilschaften nehmen werde, sie sei nur den Wählerinnen und Wählern Rechenschaft schuldig.

Bricht nun das neue weibliche Zeitalter an, das der amerikanische Megatrend-Guru John Naisbitt schon vor 30 Jahren angekündigt hat? Ich befürchte, noch nicht so schnell. Denn wenn man das Sprichwort «Geld regiert die Welt» ernst nimmt, dann besagen neueste Zahlen der Boston Consulting Group, dass Frauen zwar mittlerweile eine riesige Geldmenge kontrollieren – im Jahr 2015 waren es über 50 Billionen Dollar –, aber auch, dass diese Summe lediglich 30 % des weltweiten Gesamtvermögens ausmacht. Und bei den sogenannten «Ultra High Networth Individuals» ist die Schieflage noch ausgeprägter: Hier werden noch beinahe 90 % der UHNW-Vermögen von Männern gehalten.
 
Und obwohl in der Wirtschaft die Top-Jobs nicht mehr ausschliesslich von Männern besetzt sind – von 2010 bis 2016 stieg in der Schweiz der Frauenanteil in Verwaltungsräten von 10 % auf 16 % –, relativiert sich dieser Erfolg, verglichen mit den knapp 25 % Verwaltungsrätinnen, die in europäischen Unternehmen ihre Frau stehen.

Dass eine steigende Anzahl Frauen nicht unbedingt mehr Einfluss bedeutet, zeigen auch die Untersuchungen des Credit Suisse Research Institutes (CSRI), das regelmässig 3400 Unternehmen weltweit nach dem Stand ihrer Diversity befragt. Der neueste Trend: Unternehmen verkleinern ihren Verwaltungsrat, um mit nur einer Frau mehr eine insgesamt höhere Quote zu erreichen. Zudem wird, so die CSRI-Studie, Frauen nicht der gleiche Zugang zu den Ausschüssen gewährt, wo häufig die wichtigen Entscheidungen gefällt werden.

Es gibt aber auch «good news»: Aktuelle Statistiken zeigen, dass sich in der politischen Landschaft der Schweiz einiges getan hat. Bei den letzten Wahlen im Herbst 2015 überschritt der Anteil gewählter Frauen im Nationalrat mit 32 % zum ersten Mal die Schwelle von 30 %. Trotzdem: Die politische Macht zwischen Männern und Frauen ist nach wie vor ungleich verteilt, vor allem im Ständerat. Nur gerade etwas mehr als 15 % Frauen sitzen in der kleinen Kammer. Das ist der niedrigste Wert seit 1991.

Dass Frauen an der Spitze von grossen Nationen und globalen Unternehmen stehen, ist erfreulich. Wirklich gewonnen haben sie aber erst, wenn sie auf allen Ebenen und untereinander vernetzt ihren Einfluss in Politik und Wirtschaft geltend machen.

 

Erschienen in der Women in Business am 20. Oktober 2016

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