Hier fährt die Präsidentin

Sie ist eine der erfolgreichsten Wirtschaftsfrauen der Schweiz. Carolina Müller-Möhl, 36, über ihre Durchsetzungskraft als Unternehmerin, das Doppelmandat Mutter und Geschäftsfrau, arrogante Männer und ihre Lieblingsstadt Zürich.

von Peter Röthlisberger

Auf mehrere hundert Millionen Franken schätzt die Finanzwelt das Vermögen der Familie von Carolina Müller-Möhl, aber Carolina fährt Tram statt Limousine. Als Präsidentin der Investment-Gesellschaft Müller-Möhl Group führt die studierte Politologin nur vier Mitarbeiter. Gleichzeitig hat sie mit ihrem Verwaltungsratsmandat bei Nestlé einen der begehrtesten Jobs inne, den die Schweizer Wirtschaftselite zu vergeben hat. Als ihr Mann, der gewiefte Financier Ernst Müller-Möhl, am 3. Mai 2000 bei einem Flugzeugabsturz am Gotthard starb, rechneten viele damit, dass sich die junge Witwe mit ihrem damals zweijährigen Sohn Elias ins Privatleben zurückziehen würde. Sie aber blieb und verwaltet ihr Erbe seither mit sichtbarem Erfolg. Die von ihr gegründete Müller-Möhl Group hält unter anderem namhafte Minderheitsbeteiligungen bei Ascom und der Medizinaltechfirma Plus Orthopedics. Die Präsidentin wird jede Woche anfragt, in weitere Projekte zu investieren. Sei es in ein aufstrebendes Biotech-Unternehmen oder in die Kollektion einer Modedesignerin, die eine Starthilfe für ihre modischen Gummistiefel benötigt. Carolina Müller-Möhl ist eine der interessantesten Wirtschaftsfrauen des Landes, ihr Geschäftsgebaren wird vom Wirtschaftsestablishment mal neidisch, mal bewundernd kommentiert.

Frau Müller-Möhl, wie konnten Sie sich in der Wirtschaftswelt durchsetzen?

Es gibt keine einfachen Rezepte. Wer Erfolg haben will, muss sich auf seine Stärken konzentrieren, Durchsetzungskraft und Leadership zeigen und über einen guten Menschenverstand und Sachkenntnisse verfügen. Man muss bereit sein, Knochenarbeit zu leisten. Für uns bei der Müller-Möhl Group steht Lang- vor Kurzfristigkeit, Kontrolle und Sicherheit vor Laisser-faire und genaue Analyse vor blindem Vertrauen.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Natürlich bin ich gern erfolgreich. Und darum stolz darauf, dass es uns – meinem professionellen Team und unserem hoch qualifizierten Verwaltungsrat – gelungen ist, durch intensive Zusammenarbeit die Vermögenswerte der Erbengemeinschaft zu konsolidieren, abzusichern und langfristig auszurichten. Trotz jahrelang schwierigen Märkten und einer schwierigen Ausgangssituation.

Sie haben einen siebenjährigen Sohn. Sehen Sie sich als Vorbild für andere berufstätige Mütter?

Nein, ich sehe mich nicht als Vorbild, suche diese Rolle auch nicht. Ich arbeite gern und versuche die Chancen, die ich in meinem Leben erhalten habe, zu nutzen. Ich bin gerne informiert und aktiv dabei, und es macht mir Freude, mich über meinen privaten und beruflichen Bereich hinaus zu engagieren.

Sollen Frauen in der Geschäftswelt speziell gefördert werden?

Zumindest dürfen sie nicht diskriminiert werden. Frauen mit gleicher Kompetenz sollen auch die gleichen Chancen erhalten. Ich bin beispielsweise überzeugt, dass es in der Schweiz mehr fähige Frauen gibt, als sich dies heute in den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten widerspiegelt.

In der «Bilanz» haben Sie die Ignoranz von Männern gegenüber berufstätigen Müttern beschrieben.

Jede Form von Ignoranz und Arroganz ärgert mich. Man kann in Kenntnis der Fakten unterschiedlicher Meinung sein, aber nicht einfach Fakten negieren. Und Fakt ist, dass die Doppel- oder Dreifachbelastung berufstätiger Mütter eine Realität ist. Fakt ist auch, dass berufstätige Frauen zum Wachstum beitragen. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass wir in der reichen Schweiz nach wie vor zu wenig Strukturen haben, um berufstätigen Frauen und ihren Familien das Leben zu erleichtern.

Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Ich habe ein starkes Team im Büro und einen Lebenspartner, der mich überall tatkräftig unterstützt.

Was mögen Sie an Ihrem Job?

Die Vielseitigkeit. Die Möglichkeit, im Team Lösungen zu erarbeiten und schwierige Situationen zu optimieren. Die interessanten, engagierten Menschen, denen ich beruflich begegne.

Was nicht?

Sitzungen, in welchen Ideologie vor der Lösungsfindung steht. Undifferenziertheit. Starre Strukturen, die sich nicht auflösen lassen. Menschen, die nicht fortschrittlich denken und handeln.

Sie sind wegen Ihres Nestlé-Verwaltungsratsmandats in die Kritik geraten. Wie erleben Sie die Arbeit dort?

Intensiv. Nestlé ist ein spannender Konzern, mit engagierten Mitarbeitern und einem sehr kompetenten Management. Der Nestlé-Verwaltungsrat, so wie ich ihn bisher kennen gelernt habe, diskutiert alle wichtigen Themen engagiert und häufig auch kontrovers. Ich erlebe diesen Verwaltungsrat keineswegs als «Kopfnickergremium», wie das behauptet wurde. Das deckt sich im Übrigen mit meinen Vorstellungen von aktiven Aufsichtsgremien, die ihre Aufgabe ernst nehmen.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Bei unserer Ausgangslage wäre es falsch zu sagen, dass Geld keine Rolle spielt. Es verschafft meiner Familie die Unabhängigkeit, um unsere privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Ziele zu verfolgen.

Was macht Sie glücklich?

Meine Familie.

Welche Werte vertreten Sie?

Ich komme aus einem Elternhaus, das bei meiner Schwester und mir Eigenständigkeit, Eigenverantwortung, kritisches Hinterfragen, liberales Denken und Handeln, aber auch Solidarität gefördert hat. Entsprechend habe ich kein Verständnis für jene, die sich weder gesellschaftspolitisch noch sozialpolitisch engagieren, vor allem, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

Sie engagieren sich vor allem in der Bildungspolitik.

Bildung ist der wichtigste Rohstoff für uns Schweizer. Heute weiss man, dass sich mit steigendem Bildungsniveau die volkswirtschaftliche Produktivität erhöht und die Gefahr von Arbeitslosigkeit sinkt.

Sie sind in Zürich geboren und nach Ihrer Ausbildung wieder hierher zurückgekehrt. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Zürich war in den 90er-Jahren in einer grossen Krise: offene Drogenszene, Abwanderung von Firmen und Arbeitsplätzen, Finanzdebakel. Die konstruktiven Kräfte in dieser Stadt haben sich dann zusammengerauft und in allen Bereichen viel erreicht. Man hat lösungsorientiert gearbeitet, genau dies entspricht meiner Einstellung. Vor allem deshalb fühle ich mich hier wohl.

© 2005 «Schweizer Illustrierte»

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