Jungunternehmer planen sehr genau

Carolina Müller-Möhl ist die neue Jury-Präsidentin des Swiss Economic Award. Sie ist von der Weitsicht der Jungunternehmer beeindruckt. Der Preis wird am Swiss Economic Forum vergeben, das heute beginnt.

Frau Müller-Möhl, Sie sind eine viel beschäftigte Frau. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, das Jury-Präsidium des Swiss Economic Award zu übernehmen?

Carolina Müller-Möhl: Es wird immer wieder betont, wie wichtig die kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) für unser Land sind. Doch Reden alleine genügt nicht. Der Swiss Economic Award bietet den angehenden KMU eine erstklassige Plattform, um die erbrachten Leistungen zu zeigen. Ausserdem finde ich die Begeisterung ausserordentlich, mit der die beiden Jungunternehmer Stefan Linder und Peter Stähli das Forum aufgebaut und entwickelt haben. Als ich für das Jury-Präsidium angefragt wurde, konnte ich das Angebot kaum ausschlagen.

Was haben Sie in die Jury eingebracht? Den Blickwinkel einer Frau?

Frauen beurteilen viele Dinge anders als Männer. Das ist sicher ein Aspekt. Ein anderer Erfahrungshintergrund, den ich einbringe, ist meine sechsjährige Tätigkeit bei der Müller-Möhl Group.Diese gab mir vielfältige Einblicke in die KMU, in die wir investiert haben. Ausserdem prüfen wir laufend neue Investitionsmöglichkeiten. Ein Prozess, den ich eng begleite. Die Tätigkeit einer Jury-Präsidentin und diejenige in der Müller-Möhl Group sind also ähnlich. Letztendlich geht es darum, die Zukunftschancen von Unternehmen einzuschätzen. Absolut.Wir erhalten sehr viele Zuschriften, in denen wir für ein finanzielles Engagement angefragt werden. Ausserdem verfolgen wir bei Firmen, an denen wir beteiligt sind, das Geschehen am Markt sehr eng.

Was hat Sie bei der Arbeit in der Jury am meisten überrascht?

Die Müller-Möhl Group ist, was die Mitarbeiterzahl betrifft, auch ein KMU. Deshalb kannte ich die Probleme dieser Unternehmen bereits vor der Übernahme des Jury-Präsidiums. Bemerkenswert war für mich, dass es keine Frage des Alters ist, ob man innovativ ist oder nicht. Gerade ältere Unternehmer können sehr innovativ sein.

Was noch?

Die Jungunternehmen, die sich für den Award beworben haben, haben sich nicht einfach für ein waghalsiges, chaotisches Vorgehen entschieden. Sie alle haben sehr genau geplant und dann Schritt für Schritt ihren Plan auch realisiert. Bei vielen nominierten Unternehmen habe ich zudem Weitsicht gepaart mit Innovation und Kreativität festgestellt. Das zu sehen, ist begeisternd.

Warum gibt unter den Nominierten keine Jungunternehmerinnen?

Ich kann Ihnen diese Frage nicht mit ein paar Sätzen beantworten. Zu diesem komplexen Thema sind schon etliche Bücher geschrieben worden. Vielmehr möchte ich einen Aufruf aussenden: Ich wünschte mir, dass im nächsten Jahr mehr Kandidaturen von Frauen eingehen. Frauen dürfen durchaus den Mut haben, sich hier zu bewerben.

Wie hat sich das Verhalten der KMU in den letzten Jahren verändert?

Das kollektive Jammern der KMU hat sicherlich abgenommen und gehört der Vergangenheit an. Zudem habe ich bei den Kandidaten eine Aufbruchstimmung festgestellt.

Was behindert die Schweizer Jungunternehmen am meisten?

Um es auf einen Begriff zu reduzieren: die Bürokratie. Der ganze Papierkram, den die Unternehmen heute zu bewältigen haben, ist enorm zeitaufwändig. Auch wenn ich natürlich auch einsehe, dass all diese Formulare einmal zu einem bestimmten Zweck erstellt worden sind.

In welchen Bereichen ist die Bürokratie besonders belastend?

Die Mehrwertsteuer ist mittlerweile so komplex geworden, dass die meisten Unternehmer diese gar nicht mehr verstehen. Im Prinzip müssten sie einen Hausjuristen engagieren,damit sie alles richtig machen. All dies führt zu Fixkosten, die besonders die kleinen Unternehmen belasten.

Wo drückt ausserdem der Schuh?

Ein grosses Problem ist die Praxis zur indirekten Teil-Liquidation. Das bedeutet, es ist heute für einen Unternehmer äusserst schwierig, eine Firma seinen Kindern zu übergeben, ohne dass diese steuerlich sehr stark belastet werden. Weiter werden Unternehmensgewinne nach wie vor beim Bund und in den meisten Kantonen doppelt besteuert.

Bundesrat Joseph Deiss hat einmal gesagt: Die administrative Vereinfachung ist nicht einfach. Glauben Sie, dass hier ein Durchbruch zu schaffen ist?

Das Ziel muss lauten, dass für jede gesetzliche Bestimmung, die eingeführt wird, eine alte gestrichen wird. Heute kommen einfach immer neue Regeln hinzu. Von diesem Vorgehen müssen wir uns einfach verabschieden. Sonst wird das Regelwerk so dicht, dass man schliesslich dran erstickt.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben oft ein angespanntes Verhältnis mit ihrer Bank. Tun die Banken genug für die KMU?

Meiner Ansicht nach müssen die Beziehungen zwischen den Banken und den KMU tragfähiger werden – dies im eigentlichen Sinn des Wortes. KMU brauchen Vertrauen und Partnerschaft über eine längere Zeit. Das heisst auch in Zeiten, in denen die Konjunktur lahmt. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass einzelne Banken in diesen Zeiten bei langfristigen Finanzierungen sehr viel restriktiver werden.

Sie werfen den Banken vor, Schönwetter-Kreditinstitute zu sein.

Ich denke, die Banken sollten sich noch vermehrt auch antizyklisch verhalten. Längerfristig kommt ihnen das wieder zu Gute.

Was tut die Müller-Möhl Group zur Förderung von Jungunternehmen?

Als langfristig ausgerichteter Investor engagiert sich unsere Gruppe immer wieder bei KMU, wenn uns deren Businessplan und deren Perspektive überzeugen. Wir unterstützen die KMU also mit konkreten Taten.

In Thun befürchtet man, dass das Swiss Economic Forum eines Tages nach Zürich ziehen könnte. Was sagen Sie als Zürcherin dazu?

Die beiden Gründer, Stefan Linder und Peter Stähli, haben das Forum zu einer nationalen Networking-Plattform aufgebaut und hochkarätige Leute nach Thun gebracht. Deshalb möchte ich den Behörden von Thun empfehlen, in der Frage der Unterstützung des Forums Weitsicht zu üben. Leistung und Gegenleistung müssen in einem fairen Geben- und Nehmen-Verhältnis sein.

Für Sie wäre es einfacher, wenn das Forum in Zürich stattfinden würde.

Das wunderschöne Thun ist als Standort sehr geeignet. Als Teilnehmer aus Zürich wird man aus seinem Alltag herausgeholt. Deshalb fände ich es wichtig, dass das Forum in Thun bleibt.

Interview: Stefan Schnyder

© 2006 «Berner Zeitung»

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