Mehr über Risiken reden

Die Wall Street wankt. Wie wir in einer globalen Risikogesellschaft mehr Verantwortung übernehmen sollten.

Die Gedenkfeiern für 9/11 waren kaum zu Ende, als die Wall Street ins Wanken geriet. Das Finanzzentrum ist nicht durch Terroristen zerstört, sondern von innen her destabilisiert worden: durch Fehlverhalten, unterschätzte Risiken und falsche Anreizsysteme. Traditionsfirmen verschwinden, Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job. Das erinnert uns schmerzhaft daran, dass wir in einer «Risikogesellschaft» (Ulrich Beck) leben. In einer Welt, die uns technisch unterstützen, finanziell absichern und das Zusammenleben politisch regeln soll, ist ein Leben ohne «hausgemachte» Risiken nicht möglich. Ob Benjamin Franklin das schon geahnt hat, als er im 18. Jahrhundert bemerkte, nichts sei sicher ausser der Tod und die Steuern? Viele neigen heute dazu, sich schockiert und desillusioniert aus Wirtschaft und Politik abzumelden. Paradoxerweise aber vermehren sie durch genau dieses Verhalten die Risiken weiter: Passivität und Absentismus machen Unternehmen wesentlich handlungsunfähiger. Das Gleiche gilt für Politik und Behörden. Angst vor dem Risiko darf den Mut zur Tat und zur Innovation nicht lähmen. Gerade Gründerfiguren der modernen Welt von Amerika bis Europa haben uns dies vorgeführt. Oder anders gesagt: Der Vermessenheit des Menschen kann nur der Mensch selber begegnen - mit jener klugen Scharfsinnigkeit, mit jener Freundlichkeit sich selber und anderen gegenüber, die für den Philosophen Michael Schmidt-Salomon zu den Kennzeichen einer «zeitgemässen Leitkultur» gehören.

Damit sollen die aktuellen Probleme von Finanz und Wirtschaft nicht kleingeredet werden. Aber es ist offensichtlich, dass es nicht so weit und damit nicht zu dieser wuchtigen staatlichen Intervention hätte kommen müssen. Wäre man nur bereit gewesen, neben kurzfristiger Gewinnmaximierung auch auf langfristige Vorsorge zu setzen. Wäre man - mit den Worten von Schmidt-Salomon - nur bereit gewesen zu akzeptieren, dass 2 plus 2 eben 4 ergibt und nicht 22. Da sind zum Ersten die Shareholder: Wollen sie nachhaltiges Management ermöglichen, sind sie selber zu einer langfristigen Perspektive verpflichtet. Verführerischen Versprechungen seitens der Unternehmensführungen sollten sie kritisch begegnen und einer verlockenden Selbstbedienungsmentalität eine Absage erteilen. Da sind zum Zweiten die Führungskräfte und die Mitarbeitenden. Lassen sie es zu, dass in ihrem eigenen Kreis unterschiedliche Ansichten geäussert und unangenehme Fragen gestellt werden? Beides wären Mittel, Warnzeichen früher zu erkennen und falsche Entwicklungen entschlossener zu bremsen. Dass es - entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ratschlägen aus der Praxis (siehe auch Sonderband «Frauen als Unternehmerinnen» des Schweizerischen Arbeitgeberverbands) - mit der Integration von Frauen in Führungsgremien harzt, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig wir immer noch von Diversität, Multikulturalität und Transparenz halten. Da ist zum Dritten ein altes Rezept: Bildung. Breite Allgemeinbildung für alle auf der einen und Spitzenhochschulen, die sich den Fragen der Zeit offensiv stellen, auf der anderen Seite. So könnte unsere Wahrnehmung für die Risiken der hoch technisierten Gesellschaft noch besser geschärft werden.

Durch eine «zeitgemässe Leitkultur» wären Terroranschläge und Finanzkrisen wohl nicht zu verhindern. Aber sie könnte uns helfen, in guten Tagen verantwortungsvoller und in schlechten optimistischer zu sein.

© 2008 «Bilanz»

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