Montagsinterview mit Carolina Müller-Möhl

Carolina Müller- Möhl ist eine der reichsten Frauen der Schweiz. Die Investorin macht sich unter anderem stark für mehr Frauen in Führungspositionen und ein besseres Bildungssystem. Man müsse aber nicht unbedingt Geld haben, um andere zu unterstützen, sagt sie.


Frau Müller-Möhl, in Ihrem Wikipedia-Eintrag steht, dass Sie Philanthropin sind. Sehen Sie sich auch so? Carolina Müller-Möhl: Absolut. Warum fragen Sie?
Weil Philanthropie ein altehrwürdiger Begriff aus der Philosophie ist. Menschen, die Gutes tun, nennen sich heute einfach Wohltäter. Heute ist der Begriff Philanthropie vor allem in der angelsächsischen Welt sehr gängig. Mag sein, dass er im deutschen Sprachraum nicht häufig benutzt wird, abermit dem Begriff Wohltäterin kann ich mich nicht identifizieren. Ich sehe mich weniger als «Täterin», sondern viel mehr als engagierte Bürgerin, die sich für das Allgemeinwohl einsetzt. Als jemand, der den Menschen ins Zentrumstellt–genau das tue ich auch übermeine Stiftung.
Woher kommt dieser Antrieb, sich für andere einzusetzen?Das liegt mir wohl in den Genen. Schon in der Schulzeit habe ich mich als Schulsprecherin engagiert und versucht, schwächeren Mitschülern zu helfen. Später kamen dann Engagements in NGOs und Studentenorganisationen dazu. Sicher bin ich zudem von meinem Elternhaus beeinflusst. Mein Vater ist Psychiater, meine Mutter Psychologin. Die humanistische Tradition spielte bei uns zu Hause eine grosse Rolle.
Als wohlhabende Investorin sind Sie allerdings auch privilegiert . . . Ob man menschenfreundlich denkt und sich menschenfreundlich verhält, hat meiner Meinung nach nicht viel damit zu tun, ob man wohlhabend ist oder nicht. Ein Philanthrop muss nicht unbedingt über finanzielle Mittel verfügen. Auch bei unserer Stiftung geht es nicht in erster Linie um die Verteilung von Geld, sondern darum, sich zu engagieren mit unserer Stimme, unserer Zeit, unserem Know-how und unserem Netzwerk. Ich bin überzeugt, dass sich so jeder von uns für andere einsetzen kann.
Die Frage ist, ob man das auch will. In der modernen Konsumgesellschaft dominiert der Egoismus. In der Schweiz beruht vieles auf dem Milizprinzip. Sprich: Man setzt sich nebenberuflich für die Gesellschaft ein. Das ist eine menschenfreundliche Haltung, die uns Schweizerinnen und Schweizer geprägt hat. Mir fällt allerdings auf, dass die Leute zu selten miteinander an einen Tisch sitzen und reden. Es gibt die Interessen der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft und der Gesellschaft, die teilweise weit auseinanderklaffen.
Wo ist dies am akutesten? In der Bildung. Sie ist der wichtigste Schweizer Rohstoff. Da kann nicht jeder in eine andere Richtung ziehen. Als Stiftung versuchen wir, dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem wir die verschiedenen Entscheidungsträger zusammenbringen. Das Auseinanderklaffen der Interessen zeigt sich übrigens auch bei all den Abstimmungen, die im Moment heiss diskutiert werden.
Zum Beispiel? Bei der hart umkämpften 1:12- Initiative. Da klafft eine Lücke zwischen dem, was für eine florierende Wirtschaft wichtig ist, und dem, was das Volk unter der Initiative versteht.
Das Volk hat vor allem genug von überrissenen Managergehältern. Auch deshalb müssen die wirtschaftlichen Zusammenhänge besser erklärt werden. Und damit sollte man schon in der Schule beginnen. Darum setzt sich die Müller-Möhl Foundation dafür ein, das Finanzwissen von jungen Menschen zu fördern. Heute können junge Menschen schon viel zu früh Geld ausgeben, das sie noch gar nicht einnehmen und mit dem sie entsprechend nicht umgehen können. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz hat gezeigt, dass die Jugendverschuldung in den letzten Jahren zugenommen hat. Gleichzeitig ist im Lehrplan 21 der Umgang mit Geld nicht als Schulfach vorgesehen.
Was schlagen Sie vor? Wir wollen zunächst herausfinden, welche Präventionsmassnahmen gegen die Jugendverschuldung wirklich greifen. Dafür hat unsere Stiftung zusammen mit anderen Institutionen die Hochschule Luzern beauftragt, eine Studie durchzuführen, die Ende Jahr publiziert werden soll. Danach werden wir sehen, ob es ein Schulfach braucht oder ob andere Massnahmen wie zum Beispiel ein Jugendlohn sinnvoller wären.
Sie selbst haben nicht Wirtschaft, sondern Politik, Geschichte und Recht studiert. War das am Anfang Ihrer Karriere eine Hürde? Nein, denn ich weiss nicht, ob ich das Wissen, das ich damals gebraucht hätte, in einem Studium gelernt hätte. Ich würde auch sagen, was man studiert, spielt am Ende keine so grosse Rolle. Ich wüsste nicht einmal, ob ich meinem Sohn raten würde, Wirtschaft zu studieren.

Unternehmer klagen aber darüber, dass zu viele Studenten – vor allem Studentinnen –, anstatt Wirtschaft oder Naturwissenschaften zu studieren, sogenannt weiche Fächer wählen. Ich denke, die Situation hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher brauchte es nicht einmal zwingend ein Studium, um Topmanager bei einer Bank zu werden. Wenn ich heute eine Tochter hätte, würde ich ihr wohl empfehlen, ein Studium mit begleitenden Praktika zu machen, damit sie besser auf die Arbeitswelt vorbereitet ist. Ich glaube übrigens nicht, dass Frauen eine Affinität für Wirtschaftsfragen fehlt. Das Management einer Firma muss sehr vieles unter einen Hut bringen und selbstständig ausführen, Diversität von Talenten ist hier gefragt.
Und doch gibt es nur rund fünf Prozent Frauen in den Geschäftsleitungen von Schweizer Unternehmen. Was läuft schief? Das ist ein komplexes Problem. In der Schweiz gehören zu den verschiedenen Faktoren einerseits die Unternehmen selbst, die eigentlich daran interessiert sein müssen, die gut ausgebildeten und talentierten Frauen in Toppositionen zu bringen. Dann spielen die politischen Rahmenbedingungen wie Kinderkrippen und Ganztagesschulen eine Rolle, ebenso wie die Einstellung zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und schliesslich die Frauen selbst.
Viele Frauenwollen gar nicht Karriere machen, weil ihnen der Preis dafür zu hoch ist. Es gibt Frauen, die das nicht wollen, und das ist völlig in Ordnung. Aber es gibt viele, die wollen. Für sie setze ich mich ein. Sie sollen die gleichen Chancen haben wie die Männer und nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen.
Aber Familie und Karriere schliessen sich in unserem leistungsorientierten System oft aus, egal ob Mann oder Frau. Natürlich hat das System Fehler, und es braucht Korrekturen. Aber wenn sich die Frauen daraus verabschieden, können sie es nicht verändern. Deshalb müssen wir Ausdauer haben und dran bleiben. Und Frauen müssen an der Urne dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die sie brauchen. In Unternehmen sollten sich die Frauen ebenfalls zusammenschliessen, sich gegenseitig fördern und promoten, firmeninterne Krippenplätze fordern und so weiter. Oder stellen Sie sich vor: Alle berufstätigen Mütter gingen in den Streik. Da würden nicht nur ganze Spitäler lahmliegen...
Könnten auch Frauenquoten etwas bewegen? Frauenquoten bedeuten eine Verpflichtung von Gesetzes wegen. Ich finde eher, man müsste Anreize schaffen. Schon heute ist zum Beispiel bei einigen Firmen Frauenförderung ein Bestandteil des Bonus. Wenn der meist männliche Chef in seinem Team nicht einen bestimmten Prozentsatz von Frauen fördert, geht das von seinem Bonus ab. Es gibt auch Organisationen wie das Gender Equality Project, das eine Messmethodik entwickelt hat, mit der Firmen ihre Frauenfreundlichkeit prüfen können. Unternehmen, die ihre Sache gut machen, erhalten ein internationales Zertifikat. Künftig könnten jene Firmen, die kein solches Zertifikat besitzen, einen Nachteil haben.
Sie selbst gehören schon heute zu den wenigen Frauen, die es bis ganz an die Spitze der Schweizer Wirtschaftswelt geschafft haben. Was haben Sie richtig gemacht? Es gibt kein Patentrezept. Man muss neben den üblichen Voraussetzungen wie der richtigen Einstellung und Ausbildung auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Zudem sollte man seine Netzwerke nutzen und den Mut haben, eine Anfrage anzunehmen. Als ich 2004 gefragt wurde, ob ich in den Verwaltungsrat von Nestlé wolle, hätte ich auch absagen können. Aber ich habe es mir zugetraut .Und ich glaube, ich habe meinen Job während der acht Jahre genauso gut gemacht wie die Herren, die damals mit mir im Gremiumsassen.
Haben die Herren Sie denn ernst genommen? Als Frau wird man immer wieder mit Rollenklischees und unbewussten Vorurteilen konfrontiert, das gehört dazu. In den ersten Tagen nach der Gründung der Müller-Möhl-Gruppe hatte ich eine Sitzung mit zwei Herren aus den USA. Als ich das Sitzungszimmer betrat, fragten Sie mich, ob ich Ihnen einen Kaffee bringen kann. Sie dachten, ich sei die Sekretärin. Ich habe den Kaffee geholt und danach ganz selbstverständlich die Sitzung eröffnet. Das Problem ist, dass das Rollenkonzept Frau und Führung in unseren Köpfen noch zu wenig verankert ist. Beide Geschlechter halten zum Beispiel heute noch Männer für die besseren Chefs, wie eine Studien der Harvard Kennedy School belegt.
Wie würden Sie sich selbst als Chefin beschreiben? Sicher nicht als autoritär. Ich fordere sehr viel von mir selber, deshalb fordere ich auch viel von den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite. Aber ich denke, dass ich auch fördere. Ausserdem bin ich ein Teammensch und arbeite sehr gerne mit anderen zusammen. Ich scheue mich auch nicht zu fragen, wenn ich Hilfe brauche oder etwas nicht verstehe.
Was fällt Ihnen schwer? Wer so sichtbar ist wie ich, erhält sehr viele Anfragen für Mandate, Vorträge oder Interviews. Da muss ich noch besser lernen, auch mal etwas abzulehnen. Interview: Mirjam Comtesse, Lucie Machac

 

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