Schulen in der Schuld

Wir müssen unsere Kinder lehren, wie man mit Geld umgeht.

Vor einigen Jahren hing in der Stadt Zürich ein provokantes Plakat. Nur ein Wort war darauf zu lesen: "Zuvielisation". Die Urheber wollten ein Zeichen setzen gegen die Konsumwut und den gesellschaftlichen Druck, immer mehr besitzen zu müssen. Besonders bei jungen Menschen übersteigt das Konsumbedürfnis oft die eignen Mittel, weshalb sie sich schon früh im Leben verschulden.

Aber schnappt die Schuldenfalle wirklich deshalb zu, weil Jugendliche mit teuren Gadgets ihr Selbstbewusstsein und ihre Stellung unter ihren Kollegen und Kolleginnen verbessern wollen? Und was würde sie daran hindern, in diese verhängnisvolle Spirale zu geraten, aus der sie oft kaum mehr herausfinden?

Man sollte meinen, dieses Phänomen sei bestens erforscht. Weit gefehlt. Im Dezember publizierte die Hochschule Luzern die Studie Wirkt Schuldenprävention?. Es ist die erste umfassende Analyse von Hunderten bestehenden Untersuchungen zum Thema. Die Studie versucht zu zeigen, welche präventiven Maßnahmen wirklich gegen die Verschuldung helfen. In Auftrag gegeben hatten sie verschiedene Stiftungen und Organisationen, die Jugendliche vor der Schuldenfalle schützen wollen.

Nicht überraschend ist die erste Erkenntnis: Eine konsumorientierte Werthaltung des Umfelds, fehlendes Selbstbewusstsein und mangelnde Selbstkontrolle erhöhen das Überschuldungsrisiko. Viel spannender ist dagegen die zweite Erkenntnis, dass nicht etwa Konsumkredite die Hauptursache für eine Verschuldung junger Menschen sind, sondern unbezahlte Rechnungen – vor allem bei den Steuern. Kurzum: Der jungen Generation fehlt das Wissen um die wirtschaftlichen Mechanismen. Sie hat den Umgang mit Geld nie gelernt.

Klar, viele Eltern leben ihren Kindern vor, dass man sich nicht jeden Wunsch sofort erfüllen soll und dass man sich eine Belohnung auch einmal für später aufsparen kann. Aber wer keine solchen Eltern hat, der hat das Nachsehen. Denn die Schulen, die dieses Manko beheben könnten, kümmern sich nicht um das Thema Wirtschaft und Geldausgeben. Und das muss sich ändern.

Der Avenir-Suisse-Ökonom und ETH-Dozent Marco Salvi stellte kürzlich in einem Interview fest: "Verschiedene Studien attestieren Schülern schlechte wirtschaftliche Grundkenntnisse." Er kritisierte völlig zu Recht, dass der Wirtschaftsunterricht im neuen Lehrplan 21 vor allem die negativen Seiten der Wirtschaft beleuchtet und den Konsum undifferenziert an den Pranger stellt. "Konsum per se", sagte Salvi, "ist aber nichts Schlechtes."

Das sehe ich genau so. In einem liberalen Wirtschaftssystem kann es nicht darum gehen, den Konsum zu verteufeln. Sondern man muss die Schüler lehren, dass sie sowohl konsumieren als auch sparen sollen.

Den Funktionären im Erziehungswesen scheint aber wenig an dieser Art von Unterrichtsstoff zu liegen. Für die fünfte Pisa-Studie hatte die federführende OECD den teilnehmenden Ländern angeboten, zusätzlich zu den Standardtests auch eine Überprüfung der sogenannten financial literacy vorzunehmen. Die Pisa-Steuerungsgruppe der Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) erachtete dies aber als nicht notwendig.

Dass die EDK offenbar nichts über die Wirtschaftskenntnisse unserer Schüler wissen will, nur weil nicht alle Kantone ein entsprechendes Fach anbieten, finde nicht nur ich bedenklich. Auch der ehemalige Zürcher Erziehungsdirektor Ernst Buschor kritisiert diesen Entscheid. Tatsächlich ist es unverständlich, dass gerade wir in der Schweiz die Wirtschaftsbildung völlig vernachlässigen.

Für mich ist klar: Wer später an der Urne über Fragen wie Managergehälter, Mindestlöhne oder Steuererfüsse abstimmt, der muss über die grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge im Bild sein. Der Umgang mit Geld, dem eigenen wie dem fremden, muss an der Schule genauso unterrichtet werden wie Geografie oder Geschichte.

Im Rahmen der Aktion "Kindercash" von Pro Juventute, hatte ich einmal die Gelegenheit vor Jugendlichen eine Schullektion über den Umgang mit Geld zu halten. Das Interesse und die Neugier waren groß. Für mich war das ein deutliches Zeichen, dass es höchste Zeit ist, die Erkenntnisse der Studien über die Jugendverschuldung in die Praxis umzusetzen. Am besten beginnen wir damit bereits im frühkindlichen Alter, dann findet die entscheidende Prägung statt. Leiten sollen uns dabei nicht Moral oder Ideologie, sondern die Erkenntnis, dass die eigene Impulskontrolle auch beim Konsumieren wichtig ist – sowie die Erfahrung, dass sich das Warten auf eine Belohnung tatsächlich lohnt.

Diese Erkenntnis müssen die Schulen all unseren Schülern vermitteln. Sie sind es ihnen schuldig.

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