Stups mich!

Wie ich zur überzeugten Anhängerin von "Nudges" wurde

Rauchen ist ungesund. Trotzdem greifen gerade viele junge Frauen immer öfter zum Glimmstengel. Übergewicht ist eine der häufigsten zivilisatorischen Krankheiten, gegen die in den USA First Lady Michelle Obama seit Jahren einen landesweiten Feldzug führt. Trotzdem können McDonalds und andere Fastfood-Ketten auf eine treue, vor allem junge, Fan-Gemeinde setzen, die sich wider jede Vernunft an diesen Kalorien-Bomben gütlich tut. Da helfen kein Drohfinger von Ernährungsberatern oder martialische Bilder von Raucherlungen auf Zigaretten-Verpackungen.

Diese Resistenz wider besseres Wissen liessen dem US-Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und seinem Kollegen Cass Sunstein, keine Ruhe. Gestützt auf verhaltensökonomische Erkenntnisse schrieben sie 2008 ein Bestseller-Buch mit dem Titel «Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstösst.» Ein Nudge ist ein Schubser oder Stups, der in diesem Fall die Menschen in die «richtige» Richtung bewegen soll.

Die «Nudges» begegneten mir zum ersten Mal an der Harvard Kennedy School während einer Weiterbildung zum Thema «Leadership» und waren mir auf den ersten Blick reichlich suspekt. Braucht es nicht vor allem gute Bildung, um «kluge Entscheidungen» zu treffen anstatt Schubser?

Bei genauerem Hinsehen wurde mir aber bald klar, dass Thaler und Sunstein mit ihren Überlegungen einen smarten Anstoss dafür geben, wie fest gefahrene Denkmuster und scheinbar unveränderliche Verhaltensweisen aufgebrochen werden können. «Nudging» funktioniert nicht nur im Kleinen, etwa wenn in Griffnähe auf einem Buffet zuerst Obst und erst nachher süsse Naschereien platziert werden – denn sofort wurde viel öfters zu Früchten gegriffen – , sondern zunehmend auch in der Politik. US-Präsident Barack Obama holte sich Cass Sunstein deswegen gleich einmal in sein Team, wo dieser die Wirksamkeit von Nudges zwischen 2009 und 2012 bei verschiedenen regulatorischen Projekten beweisen konnte.

Obamas englischer Kollege David Cameron ging noch weiter und gründete 2010 eine «Nudge-Unit», die sich darauf konzentrieren sollte, wie ein verändertes Verhalten eine effizientere Verwaltung und Prozesse befördern kann. Der Hintergrund war in diesem Fall weder ein idealistischer, noch ein akademischer. Vater Staat soll nicht mehr im Gewand des drohenden Hausmeisters auftreten, sondern die Bürger mit sanften Schubsern davon überzeugen, dass sie sich an die Hausordnung halten, also etwa ihre Steuern pünktlich bezahlen. Jeder Beamte im Königreich wird inzwischen in Verhaltenswissenschaften ausgebildet.

Auch in der Wirtschaft greifen Nudges wie Iris Bonet, Professorin an der Harvard Kennedy School und Verwaltungsrätin der Credit Suisse überzeugend nachweisen könnte. Durch eine geringe Veränderung der Versuchsanordnung – bei einem Anstellungsgespräch werden Frauen und Männer nicht getrennt evaluiert, sondern zusammen – verschwinden geschlechtsspezifische Stereotypen als wären sie nie dagewesen.

Die auf Konsens ausgerichtete DNA passt eigentlich perfekt zum Konzept der Nudges. Wir wollen nicht, dass uns etwas befohlen wird, wir wollen sanfte Denkanstösse bekommen, bis wir uns in die gewünschte Richtung bewegen. Und nötig wären sie; etwa um das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft in der Schweiz wieder ins Lot zu bringen oder um die Liberalen in Europa aus ihrem Jammertal hinaus zu führen.

Ich plädiere nicht für eine Inflation erzieherischer Massnahmen durch den Staat oder in Unternehmen. Verantwortung ist individuell und lässt sich nicht an eine Institution delegieren. Wenn aber Nudges zu einem neuen Zeitalter der Aufklärung beitragen, in dem smartes Verhalten alte Verkrustungen aufbrechen und kluge Entscheidungen anstossen kann, dann werde ich – in einer Zeit, wo die Schweiz vor grossen Herausforderungen steht – als Verwaltungsrätin und überzeugte Liberale gerne zu einer Nudge-Ambassadorin.

 

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