Tue Gutes und rede darüber

Carolina Müller-Möhl engagiert sich für frühkindliche Bildung, weil absehbar ist, dass staatliche Budgets künftig nicht mehr für alle gesellschaftlichen Bedürfnisse ausreichen.

Carolina Müller-Möhl im Gespräch mit Oliver Prange

Frau Müller-Möhl, wie sind Sie auf das Thema Philanthropie gestossen? Auf die Philanthropie gestossen bin ich nicht. Ob man sich menschenfreundlich verhält oder nicht, ist wohl eher eine Charakterund Erziehungsfrage. Meine Eltern haben es uns Töchtern schon aufgrund ihres Berufes als Psychologin und Psychiater täglich vorgelebt, und mit zwölf Jahren kam ich in den Genuss der Salemer Internatserziehung. Sie lehrte mich die Tugendtrias «Wahrheitsliebe, Mut und Verantwortung». Diese vom Pädagogen Kurt Hahn geprägten Erziehungsleitlinien hatten zum Ziel, die Schüler zu politisch denkenden, sozial handelnden, toleranten Menschen heranwachsen zu lassen.

Welcher Teil Ihres Charakters ist angesprochen? Ich verstehe mich als Menschenfreund. Dabei spielt es keine Rolle, welche Herkunft, Hautfarbe, welches Geschlecht oder welche Religion jemand hat. Es liegt für mich auf der Hand, dass Eigentum mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden ist. Ich habe unendlich viele Unterstützungsanfragen für allerlei Themen erhalten. Naturschutz, Tierschutz, Kunst und Architektur. Entsprechend habe ich mich bereits früh dazu entschlossen, mich auf ein bis zwei Themen zu konzentrieren, wo der Mensch im Mittelpunkt steht. Geografisch wollte ich ausschliesslich in der Schweiz wirken.

Sie kamen auf das Thema Bildung. Das Thema lag mir nahe. Einerseits durfte ich selbst eine gute Bildung geniessen, andererseits lernte ich als begeisterte Politik- und Philosophie-Schülerin schon früh, welche Bedeutung die Bildung für die Gesellschaft hat. Auch in der Schweiz haben wir Lücken im Bildungswesen. Bereiche, die weder vom Staat noch von der Wirtschaft optimal abgedeckt sind. In diese Lücken versuche ich als Philanthropin zu springen und bei der Besserung der Situation aktiv mitzuhelfen.

Was läuft hier in der Schweiz falsch? Es wird zu wenig in die frühkindliche Bildung investiert. Der Grossteil der Bildungsgelder wird viel später eingesetzt. Zu spät. Der USamerikanische Nobelpreisträger James Heckman stellte in seinen Untersuchungen fest, dass bei einer sinnvollen frühkindlichen Bildung jeder investierte Franken siebenfach zurückkommt und dass der Return on Investment nirgends so hoch ist wie bei der Bildung von Kindern. Wichtige Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen oder Selbstdisziplin können im frühen Kindesalter am besten gefördert werden. Geringere Kriminalität, weniger Sozialfälle, ja sogar weniger Drogenabhängigkeit können auf frühkindliche Fördermassnahmen zurückgeführt werden. Die Folge: weniger spätere Sozialkosten und mehr Steuereinnahmen für den Staat. Darum habe ich mich mit der Müller-Möhl Foundation des Themas angenommen.

Was verstehen Sie unter frühkindlicher Bildung? Ich meine damit nicht, dass ein Kleinkind im Handstand Chinesisch lernen muss, sondern es geht darum, spielerisch Neugier zu wecken und zu befriedigen und so die kognitive Entwicklung anzuregen. Der bekannte Kinderarzt Remo Largo sagte mir einmal: «Wenn man am Gras zieht, wächst es auch nicht schneller.» Im Fachjargon spricht man denn auch von FBBE – frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung. Alle drei Aspekte sind gleichsam zentral.

Sollten Kinder nach individueller Fähigkeit gefördert werden? Das wäre wünschbar. Es ist doch klar, dass Kinder nicht in allen Schulfächern gleich gut sind. Und es ist auch klar, dass nicht alle Gleichaltrigen gleich weit entwickelt sind. Es sollten vermehrt Lernprogramme eingesetzt werden, in denen Kinder ihre persönlichen Fähigkeiten nach eigenem Niveau ausleben können.

Wie sieht Ihre Vorstellung aus? Die Schweiz investiert nur gerade 0,3 Prozent des BIP in diesen Bereich. Wir liegen damit weit unter dem von der OECD empfohlenen 1-Prozent-Wert. Dänemark, Finnland und Schweden investieren alle zwischen 1,3 und 2 Prozent. Es gibt zudem keine gesamtschweizerische Strategie zur familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung, und die Datenlage über Nachfrage und Angebot ist äusserst schlecht. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, damit man gleichzeitig eine Familie haben und einen Beruf ausüben kann. Hier wollen wir ansetzen.

Was genau ist der Beitrag Ihrer Stiftung? Wir unterstützen Projekte und Organisationen, die in der frühkindlichen Bildung dasselbe Ziel verfolgen und die gleiche Philosophie haben wie wir. Wir tun dies anhand von fünf Kriterien – je nachdem, womit wir die grösste Hebelwirkung erzeugen können: Know-how, Zeit, Netzwerk, Öffentlichkeitsarbeit und punktuell Finanzierung. Einer unserer Projektpartner ist beispielsweise die Pestalozzi- Stiftung, in der ich mich im Stiftungsrat engagiere. Die Stiftung vergibt im November 2013 zum ersten Mal einen Frühförderpreis für das Schweizer Berggebiet. Der Preis soll über die Prämierung von innovativen Projekten in den Berggebieten für das Thema sensibilisieren und das Angebot an Frühförderungsprogrammen stärken. Zudem sind wir auch operativ tätig und verfolgen eigene Initiativen zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. So organisieren wir beispielsweise periodisch einen Round Table mit allen relevanten Schweizer Förderstiftungen, die im Bereich frühkindlicher Bildung tätig sind. Das ist für alle Beteiligten ein äusserst befruchtender Austausch. Ziel dieses Austausches ist es, Synergien zu evaluieren, um allenfalls Projekte im Bereich Frühförderung gemeinsam umzusetzen. Wir wollen aber nicht nur den Dialog untereinander fördern, sondern auch Debatten anstossen. So arbeiten wir im Moment an einem Projekt, das Finanzierungsvarianten und die Regulierungsdichte im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung in der Schweiz genauer unter die Lupe nimmt.

In der Schweiz agieren Stiftungen oft im Hintergrund, Sie dagegen propagieren Ihr philanthropisches Wirken stark nach aussen. Warum? Wir kommen gar nicht darum herum. Wenn man die Demografie betrachtet, ist es offensichtlich, dass die staatlichen Budgets nicht mehr für alle gesellschaftlichen Bedürfnisse ausreichen. Es wird zu Abstimmungen kommen, ob man die Altersversorgung oder aber die Bildung stärkt. Es ist absehbar, dass die Altersversorgung bevorzugt wird. Das bedeutet, dass der Staat allein die Bildung künftig nicht mehr wie heute wird finanzieren können. Es braucht Public-private Partnerships, so wie in den USA. Dafür müssen wir die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Tue Gutes, und rede darüber? Genau! Philanthropie tönt so elitär. Dabei ist es eigentlich banal. Jeder kann Philanthrop sein, egal, ob man über finanzielle Mittel verfügt oder nicht. Wer sich für die Zivilgesellschaft einsetzt, der soll wahrgenommen werden. Es geht dabei nicht darum, sich mit seinem Handeln ins Rampenlicht zu stellen, sondern darum, alle Mittel und Möglichkeiten, die man zur Verfügung hat, auszuschöpfen, um etwas zu bewegen und auch die breitere Öffentlichkeit für die Philanthropie zu begeistern.

Was wünschen Sie sich von Stiftungen? Das Stiftungswesen ist zu fragmentiert. Ich wünsche mir, dass zumindest Stiftungen mit denselben Themen kooperieren. Das ist heute nicht der Fall. Zwar bildet Swiss Foundations entsprechende Round Tables, aber solange die Stiftungen selbst nicht stärker zusammenarbeiten wollen, bleiben solche Round Tables die Ausnahme.

 

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