Wir müssen Chancen mehr gewichten als Risiken

Die Förderung des Unternehmertums gilt es zu stärken. Das sagt die Jurypräsidentin des Swiss Economic Award. Der Jungunternehmerpreis wird dieses Jahr zum 9. Mal vergeben. Eingabeschluss ist der 24. Februar.

Von: Claus Niedermann

Frau Müller-Möhl, verfügt die Schweiz über einen genügend grossen Nachwuchs an unternehmerisch denkenden Personen?

Carolina Müller-Möhl: Wir haben in der Schweiz überdurchschnittlich viele motivierte junge Menschen, die in Theorie und Praxis sehr gut ausgebildet wurden. Was uns aber – auch im Vergleich zum Ausland – fehlt, ist der Drang vieler Jungen nach Unternehmertum, nach Selbstständigkeit. Das ist meines Erachtens eine Kulturfrage. Hierzulande ist die Angst vor einem Misserfolg grösser als beispielsweise in den USA. Bei uns läuft man leider noch immer Gefahr, nach einem ersten Misserfolg für das ganze Berufsleben gebrandmarkt zu werden. Und: Viele unserer Hochschulen fördern das Unternehmertum bei den Studierenden nach wie vor zu wenig. Dass es auch anders geht, zeigt die ETH Zürich mit ihrer erfolgreichen Venture-Initiative.

Sollten nicht schon die Primarschüler für das Unternehmertum sensibilisiert werden?

Je früher diese Sensibilisierung anfängt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Das zeigt zum Beispiel die Aktivität von Young Enterprise Switzerland. Diese private Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, anhand speziell entwickelter Unterrichtsmodule für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen deren wirtschaftliche und unternehmerische Bildung zu verbessern. Dabei übernehmen Wirtschaftsfachleute mit grossem Erfolg den Unterricht für einige Stunden und schaffen so die Brücke zur Praxis. Aber das ist bisher nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Bildung, Forschung und Entwicklung sind die Basis, damit neue, innovative Firmen entstehen können. Machen der Bund und die Kantone genug dafür?

Eindeutig nicht. Der Bund will zwar seine Ausgaben in diesem Bereich in den nächsten Jahren um jeweils 6 Prozent erhöhen. Solche Anstrengungen werden durch die laufenden Sparprogramme und durch die stetig wachsende Anzahl der Studierenden nur allzu rasch wieder zunichte gemacht. Schädlich im Bildungsbereich ist auch weiterhin der «Kantönligeist». Dieser übertriebene Föderalismus lässt viele, zum Teil beachtliche Reformanstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen.

Und die Privatwirtschaft?

Auch hier ist gegenüber Jungunternehmen nach wie vor eine grosse Zurückhaltung festzustellen. Man traut ihnen zu wenig zu und erschlägt sie nur zu gerne mit einem Übermass an bürokratischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bis eine konkrete Förderung und Mitfinanzierung erfolgen kann.

Investieren Sie selbst in Start-ups?

Ja, wenn wir vom Management und der Businessidee überzeugt sind. Auch in diesem Jahr haben wir schon in ein Start-up investiert. Bei der Müller-Möhl Group ist uns wichtig, dass die Jungunternehmen von einer realistischen Bewertung ihrer Firma ausgehen und dass sie sehr klare Überlegungen darüber gemacht haben, wie die langfristige Weiterentwicklung und die Finanzierung aussehen. Wir erhalten viele Anfragen von Start-ups und prüfen jedes Gesuch sorgfältig.

Der Swiss Economic Award hievte erst ein einziges Mal Frauen auf das Podest. Braucht es einen speziellen Preis für Jungunternehmerinnen?

Bekanntlich gibt es in der Schweiz schon mehrere Preise für Unternehmerinnen – denken Sie nur an den renommierten «Prix Veuve Clicquot», in dessen Jury ich dieses Jahr auch mitwirken darf. Tatsache ist aber, dass wir bis anhin zu wenig Bewerbungen von Jungunternehmerinnen für den Swiss Economic Award erhalten haben – hier wollen wir Gegensteuer geben. Wir haben in diesem Jahr darum auch erstmals die grossen Frauenberufsverbände direkt angeschrieben. Auf den Erfolg bin ich gespannt.

Es sind also nach wie vor zum grössten Teil Männer, die den Sprung ins Unternehmertum wagen. Braucht es eine spezielle Förderung der Frauen?

Die Frage ist falsch gestellt. Wir brauchen keine besondere Unternehmerinnenförderung. Frauen sind für die Selbstständigkeit mindestens so gut qualifiziert wie Männer. Wir müssen jedoch viel mehr tun, um es Frauen zu ermöglichen, die Familie und den Beruf sinnvoll miteinander zu kombinieren. Dann werden wir in Zukunft automatisch mehr Unternehmerinnen haben.

Eine letzte Frage: Warum sind Schweizer Jungunternehmer in ihren Plänen oft viel zurückhaltender als ihre amerikanischen Kolleginne und Kollegen? Backen die hiesigen Start-ups zu kleine Brötchen?

Das ist sicher auch eine Frage der Mentalität. Entscheidend scheint mir aber, dass sich die Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer hierzulande mit viel mehr Bedenkenträgern auseinandersetzen müssen als in den USA. Wenn wir mit dem Swiss Economic Award dazu beitragen können, dass künftig Chancen stärker gewichtet werden als Vorbehalte und Risiken, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

© 2007 «Cash»

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